Wurzeln des DDR-Fischeintopfs im alten Russland
Fischsoljanka in der DDR: Was wurde damals wirklich gekocht?
Wer heute nach Fischsoljanka aus der DDR sucht, findet schnell Rezepte, die als „Original DDR Fischsoljanka“ bezeichnet werden. Mal gehören Kapern hinein, mal Letscho, mal Paprika. Einige Rezepte verwenden mehrere Fischsorten, andere Räucherfisch oder ganz schlichtes Fischfilet.
Aber welches davon ist nun das Original?
Wahrscheinlich ist bereits die Frage zu einfach gestellt.
Denn Fischsoljanka wurde nicht in der DDR erfunden. Ihre Geschichte reicht über die sowjetische Zeit zurück in ältere russische beziehungsweise osteuropäische Küchentraditionen.
In der DDR bekam das Gericht jedoch ein eigenes Kapitel.
Und dafür gibt es einen bemerkenswerten historischen Beleg:
Im „Gastmahl des Meeres“ wurde eine „Russische Fischsoljanka“ angeboten.
Damit ist Fischsoljanka für die DDR-Gastronomie eindeutig dokumentiert.
Was dieser Nachweis allerdings nicht beweist, ist ein einziges verbindliches Rezept für sämtliche Gaststätten, Betriebsküchen und Privathaushalte der DDR.
Genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Fischsoljanka in der DDR auf einen Blick
- Fischsoljanka wurde nicht in der DDR erfunden.
- Ihre Wurzeln reichen in ältere russische beziehungsweise osteuropäische Soljanka-Traditionen zurück.
- Soljanka wurde in der DDR aufgenommen und weiterentwickelt.
- Fischsoljanka ist für die DDR-Gastronomie historisch belegt.
- Besonders interessant sind die Fischgaststätten „Gastmahl des Meeres“.
- Das erste „Gastmahl des Meeres“ eröffnete 1966 in Weimar.
- Anfang der 1970er-Jahre ist im Berliner „Gastmahl des Meeres“ eine „Russische Fischsoljanka“ dokumentiert.
- Der damalige Preis betrug auf der entsprechenden Speisekarte 1,50 Mark.
- Ein einziges allgemeingültiges DDR-Originalrezept lässt sich daraus nicht ableiten.
- Fischarten und Zutaten konnten abhängig von Rezept und Versorgung variieren.
- „Fischsoljanka nach DDR-Art“ ist deshalb häufig die ehrlichere Bezeichnung als „DDR-Original“.
Kam Fischsoljanka wirklich aus der DDR?
Nein – jedenfalls nicht, wenn damit der Ursprung des Gerichts gemeint ist.
Die Geschichte der Soljanka beginnt wesentlich früher.
Bereits lange vor Gründung der DDR existierten in der russischen Küche Soljanka- beziehungsweise Seljanka-Zubereitungen mit Fisch.
Im 19. Jahrhundert finden sich sogar ausgesprochen aufwendige Fischvarianten mit unterschiedlichen Fischarten, Gurken, Kapern, Oliven, Zitrone und weiteren Zutaten.
Wer diese ältere Entwicklung kennenlernen möchte, findet sie ausführlich unter Geschichte und Ursprung der Fischsoljanka.
Die DDR hat Fischsoljanka also nicht erfunden.
Interessanter ist die Frage:
Was geschah mit dem Gericht, nachdem es Teil der ostdeutschen Esskultur wurde?
Aus einem übernommenen Gericht wird etwas Eigenes
Essen wird selten unverändert von einer Küche in eine andere übertragen.
Zutatenangebot, Versorgung, Großküchen, Gastronomie und persönliche Vorlieben verändern Rezepte.
Das gilt auch für Soljanka.
Die politischen und kulturellen Verbindungen zwischen DDR und Sowjetunion trugen dazu bei, dass entsprechende Gerichte in Ostdeutschland bekannt wurden.
Dabei entstanden eigene Zubereitungen.
Besonders stark mit der DDR verbunden ist heute die Soljanka mit Wurst beziehungsweise Fleisch.
Fischsoljanka existierte daneben als eigene Variante.
Sie sollte deshalb weder als bloße Wurstsoljanka mit ausgetauschter Einlage verstanden noch rückwirkend zum eigentlichen „DDR-Original“ erklärt werden.
Warum passte Soljanka zur DDR-Küche?
Soljanka besaß Eigenschaften, die sie für Gastronomie und größere Küchen interessant machten.
Sie war kräftig.
Sie ließ sich in größeren Mengen zubereiten.
Ihre Zusammensetzung konnte angepasst werden.
Und die säuerlich-würzige Grundlage ermöglichte unterschiedliche Varianten.
Das allein erklärt natürlich nicht ihre gesamte Popularität.
Es hilft aber zu verstehen, warum ein solches Gericht in unterschiedlichen Küchen weiterentwickelt werden konnte.
Bei Fischsoljanka kam ein weiterer Punkt hinzu:
Fisch sollte in der DDR stärker auf den Speiseplan gebracht werden.
Rudolf Kroboth und die Fischküche der DDR
Wer sich mit Fischgerichten in der DDR beschäftigt, stößt auf Rudolf Kroboth.
Ab 1960 trat er im DDR-Fernsehen mit dem „Tip des Fischkochs“ auf.
Die kurzen Beiträge sollten zeigen, wie sich die angebotenen Fischarten zubereiten ließen.
Das war mehr als reine Kochunterhaltung.
Fisch war auch eine Frage der Lebensmittelversorgung. Die DDR verfügte über eine bedeutende Fischwirtschaft und Hochseefischerei, und der Fischverzehr sollte gefördert werden.
Kroboth wurde damit zu einem bekannten Vermittler zwischen Fischwirtschaft und heimischer Küche.
Seine Fernseharbeit dauerte bis 1972.
Kochen nach Versorgungslage
Bei nostalgischen Rezepten wird ein Punkt leicht vergessen:
In der DDR entschied nicht immer zuerst das Wunschrezept darüber, welche Zutaten im Topf landeten.
Auch das vorhandene Angebot spielte eine Rolle.
Das betraf selbstverständlich ebenfalls Fisch.
Welche Arten verfügbar waren, konnte beeinflussen, was Gastronomie und Privathaushalte daraus zubereiteten.
Für unsere Fischsoljanka bedeutet das:
Eine einzige Fischart zum zwingenden Kennzeichen jeder DDR-Fischsoljanka zu erklären, wäre historisch wenig überzeugend.
Die Versorgung konnte sich ändern.
Und Rezepte passten sich daran an.
„Gastmahl des Meeres“: Fischrestaurant mit DDR-Geschichte
Besonders interessant wird die Geschichte 1966.
Am 28. Juli 1966 eröffnet in Weimar das erste „Gastmahl des Meeres“.
Das Konzept setzt konsequent auf Fischgerichte.
Weitere Restaurants folgen.
Aus dem einzelnen Haus entwickelt sich eine größere Reihe spezialisierter Fischgaststätten in verschiedenen Städten der DDR.
Fisch sollte hier nicht nur eine Alternative auf der Speisekarte sein.
Er stand im Mittelpunkt.
Wie groß wurde „Gastmahl des Meeres“?
Die Entwicklung verlief schnell.
1969 wurde ein Kooperationsverband „Gastmahl des Meeres“ gegründet.
Für die 1970er-Jahre ist bereits eine größere Zahl entsprechender Fischgaststätten dokumentiert.
1976 sprach Rudolf Kroboth in einem Interview von 32 großen und 29 kleineren Fischrestaurants.
Damit war „Gastmahl des Meeres“ weit mehr als der Name eines einzelnen Restaurants.
Es war ein sichtbarer Bestandteil der DDR-Fischgastronomie.

1972: Russische Fischsoljanka für 1,50 Mark
Und hier kommen wir zu dem für unsere Seite wichtigsten historischen Detail.
Am 30. April 1972 eröffnete in Berlin an der Karl-Liebknecht-Straße/Spandauer Straße ein großes „Gastmahl des Meeres“.
Für das Restaurant ist eine Speisekarte mit zahlreichen Fischgerichten dokumentiert.
Darunter steht ausdrücklich:
„Russische Fischsoljanka“
Der Preis:
1,50 Mark.
Das ist ein konkreter historischer Nachweis.
Fischsoljanka ist damit nicht nur durch spätere Erinnerungen mit der DDR verbunden.
Sie stand tatsächlich auf einer Speisekarte der DDR-Gastronomie.
Warum das Wort „Russische“ so interessant ist
Die Bezeichnung ist fast genauso spannend wie das Gericht selbst.
Auf der dokumentierten Karte heißt die Suppe nicht:
„DDR-Fischsoljanka“.
Sie heißt:
„Russische Fischsoljanka“.
Damit wurde der Bezug zur russischen beziehungsweise sowjetischen Küchentradition sichtbar gemacht.
Gerade deshalb wäre es historisch widersprüchlich, Fischsoljanka heute als reine Erfindung der DDR darzustellen.
Die DDR-Gastronomie selbst verwies mit der Bezeichnung auf einen anderen kulinarischen Ursprung.
Bedeutet „Russische Fischsoljanka“ automatisch russisches Original?
Nein.
Auch hier müssen wir zwischen einem historischen Beleg und einer weitergehenden Behauptung unterscheiden.
Die Speisekarte beweist:
Im Berliner „Gastmahl des Meeres“ wurde Anfang der 1970er-Jahre ein Gericht mit dem Namen „Russische Fischsoljanka“ angeboten.
Sie beweist nicht:
dass dieses Rezept in ganz Russland identisch gekocht wurde,
dass es seit Jahrhunderten unverändert bestand,
oder dass damit das eine russische Originalrezept festgelegt war.
Soljanka besitzt eine lange und vielfältige Rezeptgeschichte.
Die historische Speisekartenbezeichnung zeigt vielmehr, dass die Fischsoljanka damals mit ihrer russischen beziehungsweise sowjetischen Herkunft in Verbindung gebracht wurde.
War Fischsoljanka so verbreitet wie Wurstsoljanka?
Das sollten wir nicht behaupten.
Heute wird „DDR-Soljanka“ besonders stark mit der kräftigen Fleisch- und Wurstvariante verbunden.
Für Fischsoljanka besitzen wir dagegen einen eindeutigen gastronomischen Nachweis, insbesondere aus dem Umfeld spezialisierter Fischgaststätten.
Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass Fischsoljanka in jedem Haushalt, jeder Betriebsküche oder jeder Schulküche regelmäßig serviert wurde.
Deshalb formulieren wir bewusst:
Fischsoljanka ist für die DDR-Gastronomie historisch belegt. Ihre allgemeine Verbreitung sollte jedoch nicht einfach mit der wesentlich bekannteren Fleisch- und Wurstsoljanka gleichgesetzt werden.
Welche Fische gab es in der DDR-Fischgastronomie?
Im Angebot der Fischgastronomie spielten unterschiedliche Fischarten eine Rolle.
Dazu gehörten unter anderem Hering, Seelachs und Dorsch.
Welche Fische tatsächlich angeboten werden konnten, hing jedoch auch von der jeweiligen Versorgung ab.
Das ist für die Bewertung heutiger DDR-Rezepte wichtig.
Eine Behauptung wie:
„Eine echte DDR-Fischsoljanka muss zwingend mit genau dieser Fischart gekocht werden“
sollte deshalb kritisch betrachtet werden.
Es gab nicht nur einen verfügbaren Fisch und nicht nur eine denkbare Zubereitung.
War Dorsch typisch für Fischsoljanka?
Dorsch passt sehr gut zur Fischsoljanka und spielte in der DDR-Fischküche eine Rolle.
Daraus folgt jedoch nicht, dass jede historische DDR-Fischsoljanka ausschließlich mit Dorsch gekocht wurde.
Dasselbe gilt für Seelachs und andere Fischarten.
Für die moderne Küche ist die praktische Frage wichtiger:
Bleibt der Fisch bei schonender Garung in appetitlichen Stücken und passt sein Geschmack zur säuerlich-würzigen Grundlage?
Fischsoljanka war nicht einfach Wurstsoljanka mit Fisch
Gerade weil die Wurstsoljanka heute so stark mit der DDR verbunden wird, liegt dieser Gedanke nahe:
Man nimmt das bekannte Rezept und ersetzt die Wurst durch Fisch.
Historisch greift das zu kurz.
Fisch besitzt innerhalb der Soljanka-Tradition eine eigene, wesentlich ältere Geschichte.
Auch küchentechnisch unterscheidet sich die Zubereitung.
Wurst verträgt längeres Erhitzen.
Fischfilet wird wesentlich schneller gar und kann bei zu langer oder zu kräftiger Garung zerfallen.
Eine gute Fischsoljanka braucht deshalb einen anderen Umgang mit ihrer wichtigsten Einlage.
Unser Fischsoljanka-Rezept erklärt diese Zubereitung Schritt für Schritt.
Was gehörte in eine DDR-Fischsoljanka?
Genau an dieser Stelle wäre eine starre Zutatenliste unseriös.
Wir könnten natürlich schreiben:
„Eine echte DDR-Fischsoljanka besteht aus …“
Das klingt schön eindeutig.
Historisch wäre diese Sicherheit aber kaum gerechtfertigt.
Was wir beschreiben können, sind typische Bausteine verschiedener Soljanka-Zubereitungen:
Fisch beziehungsweise Fischbrühe,
eine säuerliche Komponente,
Zwiebeln,
Tomate beziehungsweise Tomatenprodukte,
Gewürze
und abhängig vom Rezept weitere Einlagen.
Dazu können beispielsweise Gewürzgurken, Zitrone, Paprika, Letscho, Kapern, Oliven oder Kräuter gehören.
Die Unterschiede zwischen einzelnen Rezepten sind kein Beweis dafür, dass eines davon automatisch falsch sein muss.
Gehört Letscho in DDR-Fischsoljanka?
Letscho ist eng mit vielen Erinnerungen an ostdeutsche Soljanka verbunden.
Das Paprika-Tomaten-Gemüse war in der DDR bekannt und ließ sich unkompliziert für kräftige Suppen und Saucen einsetzen.
Deshalb begegnet es auch in Soljanka-Rezepten.
Daraus sollte jedoch keine historische Pflichtzutat werden.
Ohne Letscho keine DDR-Fischsoljanka wäre eine zu starre Regel.
Eine tomaten- und paprikabetonte Grundlage passt sehr gut zum Gericht. Ein Rezept ohne Letscho ist deshalb aber nicht automatisch unglaubwürdig.
Und was ist mit Kapern und Oliven?
Kapern und Oliven wirken für manche Leser zunächst wenig „DDR-typisch“.
Für die Geschichte der Soljanka ist diese Einschätzung jedoch zu einfach.
Beide Zutaten begegnen bereits in älteren russischen Soljanka-Traditionen.
Ihre Verwendung ist also nicht automatisch ein Zeichen für eine moderne Neuerfindung.
Das heißt wiederum nicht, dass jede DDR-Fischsoljanka Kapern und Oliven enthalten haben muss.
Entscheidend ist das konkrete Rezept.
Schmand oder saure Sahne?
Ein Klecks Schmand oder saure Sahne passt sehr gut zum säuerlich-würzigen Charakter einer Soljanka.
Die cremige Komponente mildert die wahrgenommene Säure und sorgt für einen weicheren Gesamteindruck.
Auch daraus sollte aber keine historische Echtheitsprüfung entstehen.
Ob eine Fischsoljanka „DDR-typisch“ ist, entscheidet sich nicht daran, ob oben ein Löffel Schmand schwimmt.
Gaststätte, Betriebsküche und Familienküche waren nicht dasselbe
Der Begriff „DDR-Küche“ klingt schnell so, als hätte ein ganzes Land nach einem einzigen Kochbuch gekocht.
Natürlich war das nicht so.
Es gab Restaurants.
Betriebskantinen.
Schulspeisung.
Private Haushalte.
Regionale Gewohnheiten.
Familienrezepte.
Und unterschiedliche Versorgungssituationen.
Ein Gericht aus einer spezialisierten HO-Fischgaststätte muss deshalb nicht identisch mit einer Fischsoljanka gewesen sein, die jemand zu Hause kochte.
Gerade private Rezepte wurden angepasst.
Was vorhanden war, wurde verwendet.
Was schmeckte, blieb.
Was nicht verfügbar oder unbeliebt war, verschwand.
So entstehen über Jahre unterschiedliche Familienrezepte.
Warum persönliche Erinnerungen trotzdem wichtig sind
Historische Speisekarten und Kochbücher erzählen nur einen Teil der Esskultur.
Der andere Teil steckt in Erinnerungen.
„Meine Mutter nahm immer Letscho.“
„Bei uns kam Dill hinein.“
„Wir verwendeten Fischreste.“
„Dazu gab es saure Sahne.“
Solche Erinnerungen sind wertvoll.
Sie zeigen, wie Gerichte tatsächlich gelebt und innerhalb von Familien weitergegeben wurden.
Sie müssen nur anders bewertet werden als ein datiertes Dokument.
Eine persönliche Erinnerung beweist nicht, dass in der gesamten DDR genauso gekocht wurde.
Sie zeigt aber, dass Küchengeschichte mehr ist als eine offizielle Rezeptur.
Gab es ein Originalrezept für DDR-Fischsoljanka?
Nach allem, was wir historisch nachvollziehen können, wäre die Behauptung eines einzigen allgemeingültigen DDR-Originalrezepts zu weitgehend.
Wir können Fischsoljanka in der DDR-Gastronomie belegen.
Wir können konkrete Speisekarten betrachten.
Wir können ältere russische und sowjetische Rezepttraditionen vergleichen.
Und wir können spätere ostdeutsche Rezepte und Erinnerungen einordnen.
Daraus entsteht aber noch kein Rezept, das für sämtliche Küchen der DDR verbindlich gewesen wäre.
Deshalb sollte bei der Bezeichnung „Original DDR-Fischsoljanka“ immer gefragt werden:
Original nach welcher Quelle?
DDR-Art ist nicht dasselbe wie historisches Original
Für moderne Rezepte ist deshalb die Formulierung „Fischsoljanka nach DDR-Art“ häufig sinnvoller.
Damit lässt sich eine Zubereitung beschreiben, die sich an ostdeutschen Zutaten, Erinnerungen und Geschmacksbildern orientiert.
Der Begriff behauptet aber nicht, sämtliche Küchen der DDR auf ein einziges Rezept reduzieren zu können.
Ein historisches Originalrezept sollte dagegen einer konkreten Quelle zugeordnet werden können.
Das ist vielleicht weniger spektakulär als die Überschrift „Das einzig echte Original“.
Aber es ist ehrlicher.
Was geschah nach 1990?
Mit dem Ende der DDR verschwand die zentral organisierte Struktur des „Gastmahl des Meeres“.
Die Fischsoljanka verschwand jedoch nicht.
Einzelne Restaurants führten den traditionsreichen Namen weiter. Fischsoljanka blieb außerdem in privaten Küchen und auf Speisekarten erhalten.
Damit geschah etwas, das für viele historische Gerichte typisch ist:
Das politische und wirtschaftliche Umfeld veränderte sich.
Das Essen blieb.
Und es entwickelte sich weiter.
Wie kocht man heute Fischsoljanka nach DDR-Art?
Wer heute eine Fischsoljanka mit ostdeutscher Anmutung kochen möchte, muss nicht versuchen, ein vermeintlich einziges Original millimetergenau nachzubauen.
Sinnvoller ist es, die historische Entwicklung zu verstehen.
Eine solche Fischsoljanka kann:
eine kräftige säuerlich-würzige Grundlage besitzen,
Fisch deutlich erkennen lassen,
mit Tomate beziehungsweise Tomatenmark arbeiten,
Gewürzgurken oder andere säuerliche Zutaten einsetzen,
Paprika beziehungsweise Letscho verwenden,
mit Zitrone und Kräutern abgerundet werden
und je nach Rezept weitere Zutaten aufnehmen.
Entscheidend ist, dass daraus eine harmonische Fischsoljanka entsteht.
Welche unterschiedlichen Möglichkeiten es gibt, zeigen wir unter Fischsoljanka-Varianten.
Fischsoljanka und DDR-Fischküche: kurze Zeitleiste
1960: Rudolf Kroboth beginnt im DDR-Fernsehen mit dem „Tip des Fischkochs“.
28. Juli 1966: In Weimar eröffnet das erste „Gastmahl des Meeres“.
1969: Der Kooperationsverband „Gastmahl des Meeres“ wird gegründet.
30. April 1972: In Berlin eröffnet ein großes „Gastmahl des Meeres“.
1972: Auf einer dokumentierten Berliner Speisekarte steht „Russische Fischsoljanka“ für 1,50 Mark.
1976: Rudolf Kroboth spricht in einem Interview von 32 großen und 29 kleineren Fischrestaurants.
Nach 1990: Die frühere Struktur verschwindet, einzelne Restaurants und der Name „Gastmahl des Meeres“ bleiben jedoch erhalten.
Häufige Fragen zur Fischsoljanka in der DDR
Gab es Fischsoljanka wirklich in der DDR?
Ja.
Für die DDR-Gastronomie ist Fischsoljanka eindeutig dokumentiert. Besonders aussagekräftig ist die „Russische Fischsoljanka“ auf einer Speisekarte des Berliner „Gastmahl des Meeres“.
Was kostete Fischsoljanka im „Gastmahl des Meeres“?
Auf der dokumentierten Berliner Speisekarte kostete die „Russische Fischsoljanka“ 1,50 Mark.
Dieser Preis bezieht sich auf diese konkrete historische Speisekarte und sollte nicht als allgemeiner Preis für sämtliche Jahre und Gaststätten verstanden werden.
Wurde Fischsoljanka in der DDR erfunden?
Nein.
Ihre Geschichte reicht wesentlich weiter zurück. Fisch gehörte bereits zu älteren russischen Soljanka- beziehungsweise Seljanka-Zubereitungen.
War Fischsoljanka ein typisches DDR-Gericht?
Für die DDR-Gastronomie ist sie eindeutig belegt.
Wie verbreitet sie insgesamt in privaten Haushalten, Betriebsküchen und anderen Einrichtungen war, lässt sich daraus jedoch nicht pauschal ableiten.
Warum hieß sie „Russische Fischsoljanka“?
Genau diese Bezeichnung steht auf der historischen Speisekarte.
Sie verdeutlicht den damaligen Bezug zur russischen beziehungsweise sowjetischen Küchentradition.
Gab es ein DDR-Originalrezept?
Ein allgemeingültiges Rezept, das wir seriös als das eine Original der DDR-Fischsoljanka bezeichnen könnten, lässt sich aus den historischen Belegen nicht ableiten.
Welcher Fisch wurde verwendet?
Es gab nicht zwangsläufig eine einzige Fischart für sämtliche Fischsoljankas.
Dorsch, Seelachs und Hering gehörten beispielsweise zum Angebot der DDR-Fischgastronomie. Die tatsächliche Verwendung konnte von Angebot, Rezept und Küche abhängen.
Gehört Letscho hinein?
Letscho passt gut zu ostdeutsch geprägten Soljanka-Rezepten und wurde entsprechend verwendet.
Es ist aber keine Voraussetzung, anhand derer sich die Echtheit jeder Fischsoljanka bestimmen lässt.
Gehören Kapern und Oliven hinein?
Sie können Bestandteil einer Fischsoljanka sein und besitzen sogar ältere Wurzeln innerhalb der Soljanka-Tradition.
Sie waren jedoch keine zwingende Zutat jeder DDR-Fischsoljanka.
Wurde Fischsoljanka auch zu Hause gekocht?
Private Fischsoljanka-Rezepte und entsprechende Erinnerungen sind plausibel und Teil der gelebten Küchengeschichte.
Daraus sollte jedoch keine pauschale Aussage über sämtliche DDR-Haushalte abgeleitet werden.
Was wir über DDR-Fischsoljanka wirklich wissen
Historische Küchengeschichte wird glaubwürdiger, wenn wir nicht nur sagen, was wir wissen, sondern auch, wo unsere Belege enden.
Belegt ist:
Fisch wurde in der DDR öffentlich beworben und stärker in den Speiseplan eingebunden.
Rudolf Kroboth vermittelte über Jahre Fischgerichte im Fernsehen.
1966 eröffnete das erste „Gastmahl des Meeres“.
Daraus entwickelte sich eine größere Struktur spezialisierter Fischgaststätten.
Für das Berliner „Gastmahl des Meeres“ ist 1972 eine „Russische Fischsoljanka“ für 1,50 Mark dokumentiert.
Nicht automatisch belegt ist damit:
dass überall dasselbe Rezept gekocht wurde,
dass nur eine bestimmte Fischart verwendet wurde,
dass Fischsoljanka in jedem DDR-Haushalt verbreitet war,
oder dass ein heutiges Internetrezept allein wegen seiner Zutaten als „Original DDR“ bezeichnet werden kann.
Diese Grenze macht die Geschichte nicht weniger interessant.
Sie macht sie glaubwürdiger.
Fazit: Fischsoljanka gehört zur DDR-Gastronomiegeschichte – erfunden wurde sie dort nicht
Die Geschichte der DDR-Fischsoljanka ist gerade deshalb spannend, weil sie nicht an der innerdeutschen Grenze beginnt.
Ihre Wurzeln führen weiter zurück.
Fisch war bereits lange zuvor Bestandteil russischer Soljanka- beziehungsweise Seljanka-Traditionen. Später entwickelte sich das Gericht innerhalb der sowjetischen Küche weiter und gelangte schließlich auch nach Ostdeutschland.
Dort traf es auf eine organisierte Fischwirtschaft, einen Fernsehkoch wie Rudolf Kroboth und spezialisierte Restaurants wie das „Gastmahl des Meeres“.
Und irgendwann Anfang der 1970er-Jahre steht sie dann schwarz auf weiß auf einer Berliner Speisekarte:
Russische Fischsoljanka – 1,50 Mark.
Das ist für uns wertvoller als jede moderne Behauptung über ein vermeintlich „echtes DDR-Original“.
Denn hier haben wir einen historischen Beleg.
Die DDR hat Fischsoljanka nicht erfunden.
Sie hat das Gericht aber aufgenommen, gastronomisch angeboten, angepasst und damit ein eigenes Kapitel seiner langen Geschichte geschrieben.
Wer noch weiter zurückgehen möchte, findet unter Geschichte und Ursprung der Fischsoljanka die Entwicklung von den älteren russischen Soljanka-Traditionen bis ins 20. Jahrhundert.
Unser heutiges Fischsoljanka-Rezept zeigt eine praktische Zubereitung für die moderne Küche.
Unterschiedliche Möglichkeiten erklären wir unter Fischsoljanka-Varianten.
Weitere Fragen zur Zubereitung beantworten wir hier auf unseren Seiten.